„Eine Schande, wie man mit den Menschen umgeht“

Von Holger Gutte

„Eine Schande, wie man mit den Menschen umgeht“

Ortschronist Rainer Buttig hat es schwarz auf weiß, wie rasant in Hainewalde nach dem Krieg innerhalb eines Jahres die Einwohnerzahl angestiegen ist. Foto: Bernd Gärtner

Rainer Buttig ärgert sich, wenn er in den Nachrichten die Bilder von Flüchtlingen sieht oder darüber die Berichte in der Zeitung liest. „Es ist eine Schande, was für ein Zirkus um das Thema gemacht wird und wie man mit den armen Menschen umgeht“, sagt Hainewaldes Ortschronist. Er meint nicht die Wirtschaftsflüchtlinge aus Osteuropa, die nach Deutschland kommen, um Sozialleistungen zu kassieren. Er spricht von den Frauen, Kindern und Männern, die vor dem Krieg und dem Terror in ihren Heimatländern fliehen, und die in Europa Schutz und Zuflucht suchen.

Hainewaldes Ortschronist ist als Kind auch mit Flüchtlingen und Vertriebenen aufgewachsen. „Klar, das sind Deutsche gewesen. Aber sie mussten genauso fliehen, wie jetzt die Familien in Syrien oder anderswo“, sagt er. Für seine Eltern ist es zum Kriegsende 1945 und in den ersten Jahren danach selbstverständlich gewesen, Vertriebene oder Flüchtlinge aufzunehmen. Der 74-Jährige schüttelt mit dem Kopf, wenn er immer wieder die Argumente hört, dass man keinen Platz für die Leute habe.

Er greift zu einem seiner zig Ordner über die Ortschronik von Hainewalde. Detailliert lässt sich darin die Einwohnerentwicklung Hainewaldes nachlesen. 1946 haben in der Gemeinde 2 872 Bürger gelebt. Ein Jahr später sind es 3 235 gewesen. „854 von ihnen waren Umsiedler, wie man die Vertriebenen damals und später in der DDR bezeichnete, erzählt er. Und da waren schon viele Flüchtlinge, die zum Kriegsende in den Ort kamen, bereits wieder zu Verwandten und Bekannten weitergezogen.

Rainer Buttig muss den Aktenordner aus der Zeit jetzt öfters aus dem Schrank holen. Das Erstellen von Ahnentafeln ist wieder in Mode gekommen. Erst kürzlich ist deswegen ein Enkel extra zu ihm in die Oberlausitz gekommen, weil es seine Oma nach dem Krieg als Vertriebene nach Hainewalde verschlug. „Er wollte wissen, wo seine Oma damals im Ort gewohnt hat und bat mich, ob ich es ihm mal zeigen könnte“, schildert Rainer Buttig. In der Gemeindeverwaltung gibt es darüber keine Unterlagen mehr. Hainewaldes Ortschronist hat sie. Gemeinsam haben die beiden die alten Ortspläne durchgeforstet, in denen alle Häuser in der Gemeinde samt deren Bewohner zu der Zeit eingetragen sind. Die Hausnummern von einst stimmen oft nicht mehr. Dann gleicht Rainer Buttig halt die alten mit den neuen Ortsplänen ab. Es sind die Original-Dokumente, die er für seine Gemeinde aufbewahrt.

In den 1990er Jahren ist der Ordner sogar noch gefragter gewesen. Viele Ostdeutsche hatten nach der Wende plötzlich auch Anspruch auf Vertriebenengeld. Sie haben von dem Nachweis, dass sie in Hainewalde als Umsiedler registriert waren, eine Kopie bekommen und sind damit zum Beglaubigen auf die Gemeinde gegangen, schildert er.

Auch im Haus von Familie Buttig sind mehrere Flüchtlinge und Vertriebene untergekommen. „Zuerst hatten wir eine Familie aus Hörnitz aufgenommen. Die sind vor den Russen geflohen, weil sie dort eher als bei uns waren“, erinnert er sich. Fast wäre auch Rainer Buttig zum Flüchtlingskind geworden. „Opa hatte auch schon einen Wagen gebaut, mit dem wir hätten fliehen können“, sagt er. Aber zum Glück ist es für seine Familie nicht so weit gekommen. Sein Cousin und sein Onkel sind dagegen aus Wansdorf (Varnsdorf) vertrieben worden und haben dann bei ihnen gewohnt. Als die Flüchtlingstrecks damals aus Richtung Großschönau nach Hainewalde kamen, sind viele im Ort geblieben. 854 sind es noch bei einer „Umsiedlerzählung“ am 15. Januar 1948 gewesen. Ihre Heimat liegt heute in Polen, Tschechien, Rumänien, dem früheren Jugoslawien, Ungarn und Russland. Einige Familien oder deren Nachkommen leben heute noch in Hainewalde und sind längst im Ort integriert.

Rainer Buttig zeigt auf das Blatt der „Umsiedlerzählung“ von 1948. Keiner von ihnen ist zu dem Zeitpunkt in einer Massenunterkunft oder in einem Quarantänelager gewesen. Alle haben bereits eine eigene Wohnung gehabt oder zur Untermiete gewohnt. Auch heute würde man den Flüchtlingen eine bessere Chance zum Integrieren geben, wenn man sie statt in Massenunterkünften in einzelne Wohnungen unterbringt, meint er. So aber sei Ärger vorprogrammiert, wenn man Leute aus unterschiedlichen Ländern und Religionen zusammen einquartiert.

Quelle: SZ-Online vom 01.07.2015

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